Neuköllner Leuchtturm
Haus- und Wohnungsvermietung Bernhard Thieß
anno 2000
2006

 Das Haus
 
Das Haus in einer großen Stadt. Zwei Weltkriege, einen Jahrhundertwechsel hatte es schon überstanden. Den Ort an den es gestellt worden war, hatte es sich nicht aussuchen können. Aber es war nicht allein. Überall, neben ihm, gegenüber wurden Häuser gebaut. Das Haus fühlte sich wohl und stolz, wollte nur das Glück beherbergen. Allein, das lag nicht in seiner Macht. Schwere Zeiten waren zu überstehen. Zeiten in denen das Haus zitternd staunte, dass es stehen blieb. Dass es seine Bewohner hatte schützen können. Überall, neben ihm, gegenüber, wurden Häuser zerstört, fielen in sich zusammen. Doch dieses Haus in einer großen Stadt blieb stehen.
 
Auch wenn es dem Bombenhagel und Terror hatte widerstehen können, unter der Last der Schicksale seiner Bewohner brach es manchmal zusammen. Nur Glück hatte es beherbergen wollen. Das Haus hatte nicht gewusst, dass es das Glück nur gepaart mit dem Unglück gibt. Die Freude nur mit dem Leid. So waren wohl stets beide unter seinem Dach. Nicht immer konstant, nicht immer anhaltend.  
 
Von Anfang an waren es einfache Verhältnisse, die von dem Haus Besitz ergriffen. Mehr arm als wohlhabend, glücklich in dem Haus eine Wohnung gefunden zu haben. Die Gegend passte zu ihnen. An jeder Ecke eine Kneipe, auf der Straße spielende Kinder, Tante-Emma-Läden in denen man anschreiben lassen konnte, eine Schule in der Nähe und für den sonntäglichen Kirchgang – sofern dieser erwünscht war – war auch gesorgt. Und um die große weite Welt zu erkunden, sah man aus dem Fenster.
 
Die Zeiten vergingen. Neue Mieter zogen ein, von den alten blieben nur wenige. Nur die noch, denen es zu beschwerlich geworden war sich ein neues Zuhause zu suchen, denen die knappe Rente keine Möglichkeit der Veränderung hergab.  Mit Verwunderung hörte das Haus Worte und Laute auf der Straße, die es nicht verstand. Viele Sprachen schwirrten durcheinander. Die Kinder auf der Straße spielten Spiele, die es nicht kannte.  
 
Das Haus stellte fest, dass aus den anderen, nach dem Krieg mühevoll saniert, leere Fenster auf die Straße blickten. Niemand wollte dort mehr wohnen. Die kleinen Geschäfte hatten schon längst dicht gemacht, ihre Rollos runtergezogen. Selbst die Eckkneipen hatten aufgegeben. Gingen die Kinder morgens zur Schule liefen sie an leeren Geschäften vorbei, das Leben war ausgezogen. Schmutz und Müll türmte sich auf der Straße – niemanden kümmerte es.  
 
Die Mieterstruktur wurde schwierig. Die Hälfte zahlte keine Miete mehr. Zogen sie aus, kündigten sie nicht, ließen ihre kleinen vermüllten Habseligkeiten einfach stehen. In den Briefkästen unzählige, nicht geöffnete Briefe. Abschied vom Haus, zugleich Abschied von der Vergangenheit.   
 
Natürlich hatte das Haus einen Eigentümer, korrekt im Grundbuch eingetragen, Familienbesitz.  Zum Besitz gehörten auch  die Liebe zum Haus und die Verpflichtung. Aber was macht man mit einem Haus, dessen Mieter ausziehen ohne zu kündigen? Wenn sich Verwahrlosung und Vermüllung breit machen? Wenn stumme  Fenster auf die Straße blicken, schon lange nicht mehr geputzt. Wenn selbst Wohnungssuchende um den Kiez, um den Bezirk einen Bogen machen?
 
Parterre war alles leer geworden. Eine kleine Wohnung, dessen Mieter seine Verzweiflung im Alkohol ertränkt hatte, rauchte, nie sauber machte, geschweige denn renovierte und in ihr verstarb. Daneben die großen Räume eines ehemaligen Fleischerladens. Er war im Laufe der Jahre zu einer Wohnung umgebaut worden. Viel zu viele Menschen hatten in der letzten Zeit in ihr gewohnt, hatten Schutz vor Verfolgung gefunden. Eine Wohnung war es schon lange nicht mehr, nur noch eine Unterkunft für Flüchtlinge. Der Heimbetreiber hatte gekündigt und die Flüchtlinge waren ausgezogen, teilweise zurück in ihre Heimat oder hatten Arbeit und eine eigene Wohnung gefunden.
 
Was sollte man tun? Rollos runterlassen und die Räume leer stehen lassen? Aber würde sich das nicht wie ein Krebsgeschwür durch das ganze Haus ziehen? Es hieß, dagegen halten. Ein kleines Kunstfestival, nachts im feuchtkalten November, brachte die Sache ins Rollen. Die Fenster der Wohnung wurden weit geöffnet, mit Gardinen den Blick in die zerstörten Räume verhindert und Bilder zu Straße hinaus aufgehängt. Die Idee kam mehr als gut an und etliche Festivalbesucher wollten in die Wohnung, in der Annahme, in ihr befände sich eine Galerie.
 
Eine Idee war geboren. Die großen Räume nebenan, ohnehin Gewerberäume, sollten der Kunst gewidmet und ein Treffpunkt für Anwohner werden. Ein Creativ-Centrum entstand. Ausstellungen sollten gezeigt werden, Literaturfreunde, Philosophen und Anwohner würden sich in den Räumen treffen.  Doch zuerst musste renoviert werden und nach und nach entstand ein Leuchtturm der Hoffnung und Zukunft. Für wahr, Hoffnung ist eine schöne Erinnerung an die Zukunft*.  
 
Eine Stiftung, die sich um die Verbesserung der Lebensumstände der Einwohner des Bezirkes kümmerte, um das friedliche Zusammenleben der vielen unterschiedlichen Kulturen bemühte, zog ein und konnte Räume nutzen.
 
Wohnungen wurden an Künstler vermietet, die Mieten befanden sich auf einem niedrigen Niveau. Doch nicht alle Künstler sind wirkliche Künstler und nicht alle Künstler kommen mit dem Leben zurecht. Darunter leidet zuerst die Wohnung. Wieder wurden Wohnungen verlassen, verdreckt, vermüllt, zerstört, waren nicht mehr vermietbar.  Wieder mussten Wohnungen entmüllt und neu renoviert, kurz vermietbar gemacht werden.  
 
Trotzdem kam die Idee auf, das Dachgeschoß auszubauen und ebenfalls an Künstler zu vermieten. Bezahlbarer Wohnraum sollte geschaffen werden. Allein, das Bezirksamt machte nicht mit. Kündigte Auflagen an, wie Dachbegrünung, Beteiligung an Kosten für Infrastruktur  usw.. Kostengünstiger Wohnraum konnte so nicht entstehen und das Vorhaben wurde fallen gelassen.  

Langsam veränderte sich der Bezirk, der Kiez wurde in. Cafés öffneten, Galerien, Kleingewerbe und da wo vor kurzem noch abgeschlossene Läden mit toten Fenstern auf die Straße blickten, öffneten Restaurants, stellten Stühle und Tische raus und ein fast südliches Flair machte sich breit. Italienisch, spanisch, englisch war zu hören, es ging aufwärts mit dem Kiez.   
 
Große, wichtige Dinge wurden seitens der Politik beschlossen, Klimarettung ist  nun angesagt. Die von der Regierung gewünschten Maßnahmen werden jedoch durch die  Bezirkspolitik unterlaufen, Milieuschutz, Zweckentfremdung, Mietendeckel usw. Die privaten Einzeleigentümer werden reglementiert und sehen sich unter der Last der Auflagen überfordert weiterhin einfache Wohnungen für Jedermann/frau zur Verfügung zu stellen.  
 
Dass, was zum Schutz der Mieter gedacht ist, kehrt sich ins Gegenteil und immer mehr liebäugeln mit dem Gedanken, das Grundstück zu verkaufen. Die Kinder, die das mal erben sollen winken ab, wollen sich damit nicht belasten. Was liegt näher als das Haus in Eigentumswohnungen umzuwandeln oder zu verkaufen. Und der Weg, das Mieter zu Eigentümer werden, kann so falsch nicht sein.
 
 
 
*Gabriel Marcel